Texte

Galerie Schloss Parz

Text von Sophie Stadler

Ina Fasching malt am liebsten mit Buntstift. Und Ölkreiden. Und Ei-Tempera, dass sie gerade für sich entdeckt hat. Sie wohnt mit ihren Bildern zusammen, klebt sie mit rosa Band an die Wände und hängt die Wäsche rundherum auf, schiebt sie zur Seite um weiter zu malen. Schreibt Fetzen aus Literatur dazu, Gespräche, versucht Geräusche einzufangen.

Diese Bilder haben etwas von Kinderbuch-Illustrationen die irgendwo falsch abgebogen sind, überraschend sinister und hintergründig komisch. Es gäbe schon Geschichten dazu, aber man kann sich auch ruhig selber die Mühe machen. Genau Beobachtetes und zufällig Aufgeschnapptes laufen zusammen in die Form „Schön mit Bruch drin“.

Frustrationsspuren bleiben sichtbar, offene Schichten aus Scheitern, dürfen auch sein, machen das Bild auf und lassen uns zusehen wie es geschieht, wie es trotzdem was wird.
Es wird ebenso gezeichnet wie gemalt, schon mal großzügig weggelassen was offen bleiben darf. Satte Farben und wilde Striche öffnen was als Studie noch plastisch begonnen hat. Das Reh wandelt sich zum Satyr (oh, dear deer), da ist ein Hundsgesicht, eine Frau mit -signature -roten Bäckchen und ein Mann mit einem Kindskopf im Bauch. Sporadisch ergänzt durch Text der eigene Wege aufmacht oder einfach eine Speisekarte ist. Einschübe die darauf aufmerksam machen, dass es immer einen doppelten Boden gibt, eine Lampe die hierhin leuchtet, eine Märchengeschichte die jäh abbiegt und in neues Terrain vorstößt, uns entführt.

Was will man schon aussagen? Es gibt so Vieles, zwischen Werbeplakaten und Musikhören und der Mühle des Kunstbetriebes. Sich etwas erlauben. Sich eine Spielwiese bauen. Sich all diesen kleinen Dingen hingeben. Einen Schweinefuß der an Gunter Damisch erinnert im Gefrierfach aufheben.
Auf Anfrage kostet übrigens jedes Bild vierzig tausend – Pensionsvorsorge, Sie wissen schon.

„Stoß´ vor zum Herz der Dinge vor Dir und fahre fort,

indem Du Dich so logisch wie möglich ausdrückst“.

(Cézanne am 26. Mai 1904 an Émile Bernard)

Zum Herz der Dinge

Annäherungen an Ina Faschings zeichnerische Grammatik

Ina Faschings Zeichnung kreist suchend um das Nichtwirkliche als Teil der Realität. Sie spürt ihr inständig, nicht zögerlich, nach mit ihren kraftvollen Strichen, Worte kommen wie freigelegte Fundstücke hinzu, werden zu Zeichen, die zu einer unmittelbaren Kunst verarbeitet sind. Gibt es das noch, eine Unmittelbarkeit der Kunst? Oder ist dies heute im Zeitalter der multiplen Verbreitung von Bildern auf audiovisuellen Plattformen und Microblogs längst unmöglich geworden?

„Zum Herz der Dinge vorstoßen“ und diese fast „logisch zum Ausdruck“ zu bringen – so einfach Cézannes Forderung an den Maler und Kunsttheoretiker Bernard am Beginn der modernen Malerei klingt, so schwer bleibt es, diese einzulösen. Bis heute. Denn wie soll eine junge Künstlerin ihre Arbeiten anlegen, die schon in jungen Jahren beeindruckt ist von den Bildern Frida Kahlos, dieser versehrten Schönen und Malerin des Schmerzes, wie soll sie ihre Sprache finden, geschult an den handwerklichen Vorgaben des Textildesigns (auch Émile Bernard kam ursprünglich aus der Textilindustrie) und der Verwirklichung ästhetischer Maßstäbe unter optimalem Einsatz von Produktions- und Wirtschaftsfaktoren? Wie soll eine innere Logik der Zeichensprache gefunden werden, inmitten des kreativ aufgeheizten Klimas an der Akademie der bildenden Künste?

Dort, wo Ina Fasching sich beheimatet fühlt, im Bregenzerwald, hat das Handwerkliche eine dreihundertjährige Tradition. Abgesichert durch Zunftbriefe, zogen von dort die Wälder Baumeister hinaus und führten mit handwerklicher Meisterschaft ihre Kirchenbauten für die alemannischen Bauherrn aus. Das handwerkliche Können allein genügte ihnen aber nicht. Sie zogen mit einer räumlichen Idee hinaus, dem Münster Schema, und hielten dieses in Zeichnungen und Plänen fest. Vor allem Bauen stand zuerst einmal eine Idee. Und diese Idee wäre niemals Form geworden ohne die Zeichnung. Jedem Bauwerk, jedem Ding, jedem Tisch, jedem Sessel, ging immer eine Zeichnung voran. Innerhalb der traditionellen künstlerischen Mittel war es die Zeichnung, die stets als das Medium der Vermittlung künstlerischer Vorstellungen galt. Und sie ist es bis heute geblieben.

Ina Fasching weiß um diesen Zusammenhang. Doch ihre Arbeiten sind autonom und sind nicht einer Vorbereitung für später auszuführende Werke geschuldet. Vielmehr begleiten sie sie im Medium des Skizzenbuchs durch den Tag, wie Stenogramme entstehen ihre Zeichnungen kontinuierlich, aus dem ständigen Zuhören auf die umgebende Welt. Herausgelöst aus dem Kleinformat und auf grob zugeschnittene Papierbahnen gebracht, reflektieren sie das Zeichnerische und dessen besondere Bedingung als Notiz: Gesehenes, (Auf-)Gelesenes und Erinnertes legt die Künstlerin frei und hält es mit wenigen Strichen (und Worten) fest. Immer wieder begegnen uns dort Gesichter der Kindheit oder der Urgroßmutter (in ihrer schmucken Wäldertracht), und viele Augenpaare erzählen auch davon, wie nahe Umarmung und Abschied nebeneinander bestehen, Blumen stehen auf dem Tisch, und wie auf Frida Kahlos Brustportraits auch, verrät hier ihr kräftiges Aufblühen mehr vom erfühlten Nichtwirklichen als von der Lebenswirklichkeit. Ina Fasching hält dies alles fest, beschreibt feine Schwingungen der Seele. Ina Fasching zeichnet eine Idee des Lebens. Ihres Lebens. Das ist sehr sehr viel. Cézanne hätte es gefallen.

Text von Michael Weese